Elternzeit-Roadtrip – Als das große Auto zum Zuhause wurde
6 Wochen Elternzeit im Wohnmobil: Unser ehrlicher Reisebericht durch Frankreich mit Baby & Kleinkind. Von Ängsten, Pannen und dem großen Familienglück. Jetzt lesen!
Lesezeit etwa 8 Minuten
geschrieben von Sophia G. am 30. Sep 2025
Die Vorbereitung – zwischen Abenteuerlust und Sorge
Für meinen Mann und mich stand fest, dass wir endlich mal wieder aus unserem Alltag ausbrechen wollten. Deshalb entschieden wir uns, die gemeinsame Elternzeit von sechs Wochen für einen Roadtrip mit dem Wohnmobil zu nutzen. Unser großes Ziel war es, mit unserem sechs Monate alten Baby und unserer fast dreijährigen Tochter ein kleines Abenteuer zu erleben.
Ich liebe es schon immer, flexibel zu reisen und neue Gegenden intensiver kennenzulernen, als es in kurzen Urlauben oder beim Aufenthalt in Ferienhäusern möglich ist. Für uns war klar: Diese Zeit würde weniger Erholung bedeuten, dafür aber ein echtes gemeinsames Erlebnis mit eindeutigem „Reisecharakter“. Denn ich bin überzeugt davon, dass gerade diese gemeinsamen, unerwarteten Momente es sind, die uns als Familie besonders zusammenschweißen.
Doch zwischen dieser romantischen Vorstellung und der Realität türmte sich schnell ein Berg an Sorgen auf. Wir waren – mal wieder – so spät dran mit der Planung, dass wir beinahe kein passendes Gefährt mehr gefunden hätten. Zum Glück wurden wir bei Kay-Uwe doch noch fündig und ergatterten einen Camper, der unsere spezifischen Anforderungen erfüllte: ein großes Bett, Isofix für den Kindersitz, eine Kochecke und natürlich ausreichende Stehhöhe.
Trotzdem war meine ganz persönliche Sorge vor der Abfahrt klar: die Nächte. Sechs Wochen auf engstem Raum, zwei Kinder mit völlig unterschiedlichen Schlafbedürfnissen, die in einem Bett liegen. Ich sah es schon vor mir: Wenn unsere Kleine schreit, wacht die Große auf und dann sind alle wach. Was, wenn dieser Traum von Freiheit uns mehr Stress als Erholung bringt?
Diese Sorge spürte ich sofort an den ersten Tagen, als wir mit dem Camper (dem „großen Auto“) aufbrachen. In den ersten Tagen fragte unsere Große ununterbrochen: „Wann fahren wir endlich zurück zu unserem kleinen Auto?“ Diese anfängliche Skepsis hat mich kurz total verunsichert. Ich hatte Angst, dass nicht alle von dieser Reiseform begeistert sein würden. Aber wir reagierten schnell: Wir bezogen sie stärker in die Routenplanung ein, suchten mehr Bauernhöfe heraus und zeigten ihr, an welchen schönen Orten wir aufwachen werden. Von Tag zu Tag wurde es besser – die Skepsis wich Neugier, und das entspannte uns enorm.
Mit einer guten Portion Mut, einem super Camper und einem Babygitter gegen nächtliche Abstürze aus dem Bett starteten wir unser kleines französisches Abenteuer.
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Die Reise
Der Camper wurde schnell zu unserem rollenden Zuhause. Wir haben Frankreich ganz neu kennengelernt und wundervolle Einblicke in das Leben einzelner Farmbesitzerinnen, Aussteiger, Winzer und Mitcamper gewonnen. Wir probierten leckere Hoferzeugnisse, Spezialitäten und köstliche Weine und entdeckten Landschaften vom Atlantik über die Dordogne (ein wundervoller Tipp eines Nachbarautos an der Tankstelle, das wir um Hilfe mit den französischen Zapfsäulen gebeten hatten), bis zum Mittelmeer, durch hübsche Städtchen und am Rand der französischen Alpen wieder zurück.
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Aber trotz all dieser Schönheit ist das Leben auf engstem Raum mit zwei Kleinkindern wie erwartet kein Wellnessurlaub. Es ist ein täglicher Balanceakt, ein Jonglieren von Bedürfnissen und Launen, das uns zeitweise fühlen ließ, eher Animateure als Eltern zu sein.
Besonders die Fahrten waren oft herausfordernd. Es gab diese wunderbaren Momente, in denen wir dank eines aufregenden Vormittagsprogramms drei Stunden am Stück fahren konnten, weil beide Kinder schliefen. Diese Stille fühlte sich tatsächlich wie Wellness an. Sie war so kostbar, dass wir dafür Opfer brachten: Ich erinnere mich, wie wir über steile Serpentinen weiterfuhren, obwohl ein unheimlicher Gestank (vermutlich vom nicht richtig geleerten Abwassertank) durchs Innere zog. Aber wir wollten die Stille nicht riskieren und fuhren tapfer weiter.
Oft genug sah die Realität aber anders aus. Sobald die Kleine anfing zu schreien, entschied sich die Große solidarisch dazu, mitzuschreien. In diesen „Schreikonzert-Momenten“ auf der Autobahn musste improvisiert werden. So entstand die „langen Arme“: Während der Fahrt schnell ein Eis aus dem Gefrierfach fischen oder an der Ampel den heißgeliebten pinken Kuscheldino suchen, der im Bett vergessen wurde. Zum Glück hatten wir ja alles dabei in unserem Haus auf Rädern. Und weil wir so flexibel waren und keine festen Buchungen hatten, konnten wir nach anstrengenden Fahrtagen jederzeit entscheiden, länger an einem Ort zu bleiben oder kürzere Etappen einzulegen. Ein weiterer Lebensretter war der kleine Ventilator, den Kay-Uwe und seine Frau uns mitgegeben hatten: Egal ob als Einschlafhilfe, während der Fahrt oder kurz vor hitzebedingten Wutausbrüchen – dieser Ventilator war Gold wert.
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Pannen, die uns reifer machten
Wir haben festgestellt, dass feste Routinen in und um den Camper Gold wert sind. Mein Mann war besonders für die Bordtoilette, das Kochen und das Fahren zuständig, und ich dafür, dass alle und alles schlaf- oder fahrbereit waren. Und wenn doch mal etwas vergessen wurde, passierte es meist nur einmal.
So wie die Dachluken offen lassen bei Regen, Fliegengitter auf Bauernhöfen nicht akribisch zu nutzen oder den Rundgang um den Camper vor dem Schlafengehen auszulassen: Einmal standen wir in einer lauen Sommernacht in der Nähe eines Teichs. Nach stundenlanger frustrierter Mückenjagd hatten wir alle Minischlitze mit Mülltütenfolien und Pflastern abgeklebt – erfolglos. Am nächsten Morgen, völlig zerstochen, stellten wir fest, dass wir vergessen hatten, die „Kofferraumtüren“ zu schließen. Der Kofferraum lag genau unter unserer Matratze. Naja 😅.
Die Magie, die den Stress lohnte
Für all das Chaos wurden wir reich belohnt. Wir liebten unsere spontanen Not-Pausen: Kinderbauernhöfe, der Terra Botanica als Auslaufzone, die großen französischen Supermärkte, die an Regentagen perfekte Spiel- und Pausenorte wurden. Die absolute Flexibilität des Campers haben wir wirklich lieben gelernt.
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Dank der Camper-Apps fanden wir aber auch planmäßig wunderschöne Stellplätze. Mit Filtern wie „Spielplatznähe“ oder „Tiere“ gab es immer etwas für die Kinder. An einem Ort standen wir sogar direkt am Mittelmeer und konnten dort übernachten – morgens die Ersten, abends die Letzten und alles Wichtige, vom Sandspielzeug bis zum Kühlschrank, war nur ein paar Schritte entfernt.
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Wundervoll waren auch das Drachensteigen zwischen den Weinfeldern bei Bordeaux, die knietiefen Flussläufe in der Dordogne, die wir ganz für uns allein hatten und fleißig Steine hineinwerfen konnten, und die zutraulichen Pferde, die wir inmitten der Berge auf einem Wanderweg trafen. Diese einfachen Momente der Naturverbundenheit, das gemeinsame Essen-Schnippeln vor dem Camper, das gemeinsame Draußensein – das war unser pures Camper-Glück.
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Das Fazit – Einfach machen und daran wachsen
Sechs Wochen später, als wir nach der langen Heimfahrt über Genf und Straßburg in Neuss wieder in unser „kleines Auto“ umstiegen, kam die schönste Rückmeldung: Unsere Große fragte immer wieder, wann wir endlich wieder in unser „großes Auto“ könnten. Die anfängliche Skepsis war einer tiefen Verbundenheit mit unserem Campingtrip gewichen.
Und das ist die wichtigste Erkenntnis für uns: Wir sind so stolz, dass wir das als Familie geschafft und erlebt haben. Die Nächte, die ich so gefürchtet hatte, waren viel entspannter als gedacht – die Kinder schliefen dank der vielen frischen Luft tief und fest. Die Sorge war völlig umsonst, denn die Freiheit draußen hat alle Ängste übertroffen.
Besonders für das Geschwister-Bonding fernab des Alltags war diese Reise das Beste, was wir machen konnten. Aber auch als Paar hat es uns gestärkt, diese Herausforderungen gemeinsam zu meistern. Die Möglichkeit, jederzeit flexibel zu entscheiden, ob eine sonnige Strandwoche, ein schattiger Wald oder ein Städtetrip gerade das Richtige ist, hat uns wortwörtlich enger zusammengebracht.
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Unser Rat an alle, die zweifeln:
Hör auf, dir den Kopf über alle Eventualitäten zu zerbrechen. Einfach machen – und an den Abenteuern wachsen. Es wird chaotisch sein. Ihr werdet euch sicher zwischendurch fragen, warum ihr euch das antut. Aber die Belohnungen, die Magie und das Gefühl von Stolz, Dankbarkeit und Verbundenheit sind jeden einzelnen „Animateur“-Einsatz wert.
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